Die medizinische Rehabilitation muss als eigenständige Säule im Gesundheitswesen verortet und zukunftsorientiert weiterentwickelt werden.
3. Chancen von Rehabilitation nutzen
3.1 Eine neue Form der Frühreha für Polytraumapatienten muss geschaffen werden
An der Schnittstelle Krankenhaus – Anschlussrehabilitation geht aktuell noch viel Rehapotenzial bei Polytraumapatienten verloren. Die Fachgesellschaften kritisieren dies seit langem als sog. „Rehaloch“. (9)
2018 wurden nur 15,4 % der Überlebenden in eine Rehaklinik verlegt, die meisten landen in einer Pflegeeinrichtung oder in häuslicher Pflege. Das bedeutet insbesondere für junge Patienten einen Verlust an Lebenschancen, dafür aber lange Pflegezeiten.
In allen anderen Versorgungsbereichen (außer BG) fallen die Patienten nach der Akutbehandlung mit Frührehabilitation meist in ein sogenanntes „Rehaloch“.
Auch junge Patienten müssen häufig intermittierend zunächst in eine Kurzzeitpflege. Das ist weder menschlich noch ökonomisch vertretbar. Die Rehabilitation wird mindestens verzögert oder wichtige Folgeeingriffe werden ggf. verpasst und der ganze Prozess verzögert sich zum Nachteil der Patienten – und auch der Kostenträger. (10)
Hier besteht dringender Handlungsbedarf. Als mögliche Lösung wird in der aktuellen Studie „REKUP“, die rehabilitative Kurzzeitpflege erprobt und evaluiert.(11)
Forderung
Die Versorgungslücke, das Rehaloch für Patienten mit Polytrauma, muss dringend geschlossen werden. Für diese Patientengruppe muss eine eigene Form der Frührehabilitation geschaffen werden.
3.2 Anreizprobleme bei GKV-Rehabilitation abschaffen
„Unter Rehabilitationsleistungen sind alle medizinischen Leistungen zu verstehen, die der Abwendung, Beseitigung, Minderung oder dem Ausgleich einer Behinderung oder Pflegebedürftigkeit, der Verhütung ihrer Verschlimmerung oder Milderung ihrer Folgen dienen.“ (12)
Problem: Von Seiten der Krankenkassen bestehen Anreizprobleme proaktiv Rehabilitationsleistungen zur Vermeidung von Pflege anzubieten und zu genehmigen, denn die Kosten für pflegerische Versorgungen werden von der Pflegekasse übernommen. Dieser Missstand muss schnellstens behoben werden. Sonst wird weiterhin Reha vor Pflege nicht gelebt. (13)
Forderung
Finanzielle Anreizprobleme im Bereich der GKV an der Schnittstelle Rehabilitation – Pflege müssen abgeschafft werden.
3.3 Gesetzliche Krankenkassen (GKV) müssen in medizinische Rehabilitationsleistungen investieren
Die veröffentlichen Daten der GKV zeigen, dass die Einnahmen in der Zeit von 2009-2020 von 172,20 Milliarden Euro auf 260,35 Milliarden Euro also um 51,19 % angestiegen sind. Die Ausgaben für stationäre Rehaleistungen haben in der gleichen Zeit von 0,32 Milliarden Euro auf 0,39 Milliarden Euro also um lediglich 21,9 % und die Ausgaben für stationäre Anschlussrehabilitationen von 1,68 Milliarden Euro auf 1,79 Milliarden Euro also nur um nur 6,55 % zugenommen. Die Ausgaben für ambulante Anschlussrehabilitationen sind um 28,6 % von 0,07 Milliarden Euro auf 0,09 Milliarden Euro gestiegen. Die Ausgaben für ambulante Rehamaßnahmen sind sogar von 0,04 Milliarden auf 0,03 Milliarden zurückgegangen. Diese Zahlen zeigen deutlich, dass in den Bereich der medizinischen Rehabilitation trotz steigender Gesamtausgaben in der GKV (2009 - 170,78 Milliarden Euro / 2020 - 262,90 Milliarden Euro) in den letzten 11 Jahren nicht ausreichend investiert wurde. (14)
Aktuelle Zahlen aus dem ersten Quartal 2021 zeigen, dass im Vergleich zum ersten Quartal 2020 der Anteil der Ausgaben für Vorsorge- und Rehaleistungen an den Gesamtausgaben der GKV in diesem Zeitraum sogar um 14,1 % gesunken ist. (15)
Brenzlig ist diese Entwicklung, wenn man den demografischen Trend der deutschen Bevölkerung und die damit einhergehende Zunahme an älteren Menschen mit gesundheitlichen Problemen betrachtet. Laut einer Studie aus 2018 steigen die Fallzahlen der GKV in der medizinischen Rehabilitation in der Zeit von 2015 bis 2040 um 25,9 % an. Auf diesen steigenden Bedarf wurde bisher seitens der GKV kaum reagiert, obwohl Rehabilitation dem „ICF-gestützten Ansatz des erfolgreichen Alterns“ entspricht. (16)
Forderung
Wir fordern einen festgelegten Anteil der GKV-Ausgaben für medizinische Rehabilitationsleistungen bzw. ein festes Rehabudget, welches jährlich anhand der Anzahl der Beitragszahler unter Berücksichtigung der Altersstruktur angepasst wird.
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(9) Vgl. Aerzteblatt.de (Hrsg.): Kritik an „Reha-Loch“ bei Behandlung Schwerverletzter, unter: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/114351/Kritik-an-Reha-Loch-bei-Behandlung-Schwerverletzter (abgerufen am 16.07.2021)
(10) Vgl. J. Klauber et a. (Hrsg.): Krankenhausreport 2021, unter: https://link.springer.com/content/pdf/10.1007%2F978-3-662-62708-2.pdf S.141 ff. (abgerufen am 07.06.21)
(11) Institut für Rehabilitationsmedizinische Forschung an der Universität Ulm: REKUP - Rehabilitative Kurzzeitpflege im stationären Umfeld – ein Versorgungskonzept für Versicherte mit und ohne vorbestehende Pflegebedürftigkeit, unter: https://ifr-ulm.de/projekte-laufend/#1595931363424-1c7e3873-c829 (abgerufen am 07.09.21)
(12) Bundesministerium für Gesundheit: Vorsorge und Rehabilitation, unter: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/rehabilitation.html (abgerufen am 16.08.21)
(13) Vgl. Enno Nowossadeck (2018): Rehabilitation (Stuttg) ePub: May 25 DOI 10.1055/a-0603-6864,: Einfluss der demografischen Alterung auf die Inanspruchnahme der medizinischen Rehabilitation in Deutschland bis 2040, unter: https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/a-0603-6864 (abgerufen am 30.08.21)
(14) Vgl. Bundesministerium für Gesundheit: Kennzahlen der Gesetzlichen Krankenversicherung 2008-2001, unter: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3Downloads/Statistiken/GKV/KennzahlenDaten/KF2021BundJuli2021.pdf (abgerufen am 16.08.21)
(15) Vgl. Bundesministerium für Gesundheit: Finanzentwicklung der GKV im 1. Quartal 2021, unter: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/2021/1-quartal/finanzergebnisse-gkv-2020.html (abgerufen am 01.09.21)
(16) Vgl. Enno Nowossadeck (2018): Rehabilitation (Stuttg) ePub: May 25 DOI 10.1055/a-0603-6864,: Einfluss der demografischen Alterung auf die Inanspruchnahme der medizinischen Rehabilitation in Deutschland bis 2040, unter: https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/a-0603-6864 (abgerufen am 30.08.21)