Experten-Interview

Dr. Andreas Schmidt zur Volkskrankheit Schlafstörungen: Schlaflosigkeit, Einschlafprobleme und Durchschlafstörungen betreffen viele Menschen

Experten-Interview Schlafstörungen
 
  • Mit 36 Stunden Schlafentzug gegen Schlafprobleme
    Volkskrankheit Schlafstörungen – immer mehr Menschen klagen über Schlafprobleme. Wie wichtig ein erholsamer Schlaf ist und wie man seine Schlafqualität verbessern kann, dazu haben wir Dr. Andreas Schmidt, den leitenden Psychologen in der psychosomatischen Dr. Becker Burg-Klinik, befragt.
    Herr Dr. Schmidt, wie wichtig ist Ihrer Meinung nach guter Schlaf für die Gesundheit?


    Nur wenn wir einen erholsamen Schlaf haben, können wir uns richtig gut fühlen. Das heißt, wenn wir vor allem in der Tiefschlafphase gut schlafen. In dieser findet die größte Regeneration statt, da der Körper in der Phase am wenigsten „erreichbar“ für äußere Störungen und am meisten entspannt ist. Aber auch die REM-Schlafphase unmittelbar nach dem Einschlafen ist wichtig. Hier verarbeiten wir Eindrücke, die wir tagsüber sammeln.
    Also die Tiefschlafphase entscheidet über einen erholsamen Schlaf. Welche Ursachen kann es haben, wenn diese gestört ist?


    Die häufigste Ursache dafür, dass der Körper nachts nicht zur Ruhe kommt, ist Stress. Umgekehrt ist ein schlechter Schlaf ein guter Indikator für Stress. Seelische Erkrankungen, wie Depressionen führen immer zu Schlafproblemen. Manchmal spielen auch körperliche Gründe, z. B. eine Schilddrüsenüberfunktion eine Rolle. Diese äußert sich darin, dass sich Patienten sehr aufgewühlt fühlen, einen hohen Pulsschlag und Blutdruck haben und stark abnehmen.
    Was raten Sie diesen Menschen, um besser ein- und durchschlafen zu können?


    Zunächst sollte man die Ursachen der Schlafprobleme von einem Arzt abklären lassen. In den meisten Fällen hilft es, wenn man versucht, im Alltag Stress abzubauen, beispielsweise durch regelmäßiges Sporttreiben. Meinen Patienten in der Burg-Klinik empfehle ich Entspannungstechniken wie Autogenes Training, Yoga oder Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen. Menschen, die sehr viel grübeln, rate ich zu einem Grübeltagebuch, in das sie ihre Sorgen und Zweifel eintragen. Das hilft, die negativen Gedanken aus dem Kopf zu kriegen und sie nicht mit ins Bett zu nehmen. Positiver Nebeneffekt: Ich kann das Grübeltagebuch wunderbar mit zu meinem Therapeuten nehmen. Im äußersten Fall kann Schlafentzug helfen: Entweder partiell, sodass man etwa um ein Uhr zu Bett geht und um 6.30 Uhr wieder aufsteht oder vollständig, also etwa 36 Stunden ohne Schlaf. Diese Methode hat bisher bei vielen unserer Patienten geholfen – auch langfristig. Denn auf diese Weise springt der Schlafrhythmus, der vorher aus dem Gleichgewicht geraten ist, wieder an. Das lässt sich gut mit einem „Reset“ bei einem Computer vergleichen. Zudem wirkt Schlafentzug stimmungsaufhellend und eignet sich daher gut für Patienten mit Depressionen.
    Beschäftigt man sich mit Schlafstörungen, taucht früher oder später der Begriff „Schlafhygiene“ auf. Was ist damit gemeint?


    Unter Schlafhygiene versteht man solche Tipps, die die Grundvoraussetzungen für einen erholsamen Schlaf beschreiben. Insbesondere schlafgestörte Menschen sollten sie beherzigen. Also zum Beispiel: Nur ins Bett gehen, wenn man wirklich müde ist. Das Bett nur zum Schlafen und nicht etwa zum Arbeiten oder E-Mails lesen nutzen. Dafür sorgen, dass der Raum in dem ich schlafe, dunkel, kühl und leise ist. Eine Stunde vor dem Zubettgehen sollten Menschen mit Schlafproblemen außerdem auf PC oder TV verzichten: das Licht erinnert den Körper an Tageslicht und er stellt auf „wach“. Besser ist es zu lesen.
    In der Dr. Becker Burg-Klinik haben Sie im letzten Jahr rund 2.000 Patienten mit psychosomatischen Erkrankungen behandelt. Wie viele von ihnen litten unter Schlafstörungen?



    Etwa 75 Prozent unserer Patienten leiden unter Schlafstörungen. Dabei entfallen 60 Prozent auf Menschen mit Depressionen, deren Behandlung einer unserer Schwerpunkte ist. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der unter Schlafstörungen leidenden Patienten konstant geblieben. Schlafprobleme sind also ein immerwährendes, gleichbleibendes Thema.
    Herr Dr. Schmidt, danke für das Gespräch.

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